Vorbemerkung: Der folgende Aufsatz besteht aus einem Theorie- und einem Praxisteil. Letzterer beinhaltet Übungen, die vom Autor für den Unterricht entwickelt, oft mit Erfolg eingesetzt und manchmal anhand der Unterrichtserfahrungen modifiziert wurden. Die Unterrichtsarbeit zu diesem Thema kann auch den Praxisteil voranstellen bzw. nur mit ihm das Auslangen finden.


1     Zur Theorie des Wahrnehmens – ein philosophischer Zugang als Diskussionsbeitrag


„Alles ist subjektiv!“ heißt es immer wieder; also auch das Wahrnehmen. Das scheint zunächst einleuchtend, nehmen Sie doch soeben diesen Text wahr. Andere Personen, die beispielweise nicht gerade jetzt mit diesem Aufsatz beschäftigt sind, werden etwas anderes wahrnehmen. Doch was bedeutet „subjektiv“? Heißt es, dass wir alle (immer) Unterschiedliches wahrnehmen? Und wenn das der Fall ist: Tragen wir aber dieser Subjektivität immer Rechnung oder vernachlässigen wir sie nicht zumindest hie und da? Müssen wir dies vielleicht immer wieder tun? Oder bezieht sich die Subjektivität auf die Bewertung des Wahrgenommen? Und wenn alles subjektiv ist, dann müsste doch auch die Aussage, dass alles subjektiv ist, ebenso subjektiv sein.

Oder ist unser Wahrnehmen objektiv? Das ist schon weniger einleuchtend. Dennoch werden alle, die diesen Aufsatz lesen, bejahen, dass sie einen Text wahrnehmen und keine bewegten Bilder. Also ist Wahrnehmen doch nicht so subjektiv, wie es scheint, sondern allgemeiner, ähnlicher? Aber wird beim Antwortversuch auf die Fragen, ob Wahrnehmen subjektiv oder objektiv sei, das Wahrnehmen nicht als etwas Äußeres betrachtet, ohne hierbei das Wahrnehmen, das hier, jetzt und in uns abläuft, zu berücksichtigen? Und stellt sich hierfür nicht auch wieder die Frage nach der Subjektivität bzw. Objektivität? Was meint man überhaupt mit Wahrnehmen? Kann man es vom Denken trennen? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich dieser Aufsatz.

Die Überschrift „Wahrnehmen” und nicht „Wahrnehmung” ist absichtlich gewählt. Die hauptwörtlich gebrauchte Nennform des Tätigkeitsverbs wird verwendet, weil sie verdeutlicht, dass wir etwas tun, wenn wir wahrnehmen, und dass das Wahrnehmen insofern den Charakter des Lebendigen, Zeitlichen hat.[1] Dieser Aspekt wird von vielen zu wenig beachtet, wenn sie von „Wahrnehmung” sprechen. Das Nomen steht eher für den Charakter des Äußeren, Dinghaften. Auf diese Weise haben wir neben anderen Dingen auch Wahrnehmungen. Wir haben Eindrücke; unsere Aktivität bleibt hierbei aber weitgehend verborgen. Und außerdem: Verändert sich unser Wahrnehmen nicht auch lebensgeschichtlich? Verändert es nicht auch uns und beeinflusst es damit nicht ebenso unser weiteres Wahrnehmen? Wenn das so ist, müsste Wahrnehmen unter dem Gesichtspunkt des Anders-Werdens begriffen werden.

Doch diese Ansicht ist ebenfalls nur eine Auffassung unter vielen anderen. Obwohl das Wort „Wahrnehmung” (oder besser: wahrnehmen) zumindest alle verstehen, die Deutsch als Muttersprache haben, ist es schwierig zu beschreiben, geschweige denn zu definieren. Ein Problem besteht darin, dass bei allen Beschreibungs- bzw. Definitionsversuchen das Wahrnehmen vorausgesetzt werden muss und immer auch gegenwärtig ist: Es findet immer gerade hier und jetzt statt.

Ein Blick in die Etymologie, der Lehre von der Herkunft der Wörter und Wortfamilien, zeigt uns, dass „Wahrnehmen” von „war nemen” (mittelhochdeutsch) bzw. „wara neman” (althochdeutsch) kommt. Der jeweils erste Teil bedeutet „Aufmerksamkeit, Acht, Obhut, Aufsicht”. Man kann Wahrnehmen also u. a. mit „Aufmerksamkeit schenken” umschreiben. Es hat mit „Wahrheit”, wie man vielleicht annimmt, nichts zu tun. Damit sind wir zwar ein kleines Stück weiter, dennoch haben wir hiermit weder das Wahrnehmen hinlänglich beschrieben noch alle eingangs gestellten Fragen beantwortet. Denn erstens ist damit nicht beantwortet, warum wir gerade jetzt diesem und nicht jenem Aufmerksamkeit schenken. Zweitens nimmt die Etymologie selbst die Sprache in ihrer Entwicklung wahr und setzt insofern das Wahrnehmen mit den meisten obigen Fragen voraus, ohne sich näher damit auseinander zu setzen. Drittens sind wir es, die diese Befunde der Etymologie wahrnehmen.

Genau genommen müssten wir uns auf das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen[2] beschränken, wenn wir das Wahrnehmen untersuchen, und es von Denkakten trennen, denn es ist nur mit Sinnesdaten und deren Verarbeitung befasst. Obwohl sich das Denken weit jenseits des Wahrzunehmenden bewegen kann, ist eine grundsätzliche Trennung von Wahrnehmen und Denken unmöglich. Erstens wird die Untersuchung des Wahrnehmens immer durch das Denken vermittelt und begleitet. Zweitens sind (vorausgesetzte) Denkleistungen beim Erheben von Sinnesdaten erforderlich. Drittens schaltet sich das Denken immer wieder mit Begriffen, Bewertungen, (Vor)Urteilen usw. in den Prozess des Wahrnehmens[3] ein, vor allem wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir hier und jetzt wahrnehmen, was wir nicht andauernd tun. Dennoch wird im Rahmen diese Aufsatzes analytisch versucht, den Schwerpunkt der Untersuchung, obwohl durch das Denken vermittelt, auf die Ebene des Sinnlichen zu legen.

1. 1     Zutaten

Aufgrund unserer Zutaten nehmen wir weniger und mehr wahr, als abläuft, vor sich geht etc., kurzum gegeben ist. Das scheint paradox, sprechen wir doch von mehr oder weniger. Und wie sollte etwas weniger werden, wenn eine Zutat hinzukommt? Zutat bedeutet, dass wir zum Prozess des Wahrnehmens etwas beitragen, fürs Wahrnehmen etwas mitbringen, dem Wahrzunehmenden etwas zusetzen, meist ohne dass wir es bemerken. Die wichtigste Zutat sind wir als jeweilige Person, die etwas oder jemanden wahrnimmt. Obwohl es das absichtsvolle Wahrnehmen genauso gibt wie jenes, das ohne unsere bewusste Absicht erfolgt, sind wir immer daran beteiligt. Ohne uns gibt es unser Wahrnehmen nicht. Außerdem strukturieren wir das Gegebene, bringen es in eine bestimmte, für uns wahrnehmbare Form.

Mit uns als Person sind unsere Interessen, Triebregungen und Gefühle sowie zahlreiche weitere Faktoren im Prozess des Wahrnehmens als Zutaten wirksam. Diesbezüglich sind zum Beispiel entwicklungsbedingte (auf verschiedene menschliche Entwicklungsstadien bezogene) und geschlechtsspezifische Umstände genauso zu nennen wie moralische, unbewusste, soziokulturelle (gesellschaftliche), politische, interpersonelle, physiologische Bedingungen. Solche Zutaten steuern, wer oder was und wie wahrgenommen wird. Sie können selbst wahrgenommen werden. Manche davon stammen aus dem Prozess des Wahrnehmens bzw. wurden und werden von uns unbemerkt übernommen. Sie können in Bewegung sein, sich ändern und zu unterschiedlichen Ergebnissen des Wahrnehmens führen.

Aufgrund dieser Zutaten nehmen wir weniger wahr, als gegeben ist, u. a. weil wir auswählen, wen oder was wir wahrnehmen, weil wir zu bestimmtem Wahrnehmen genötigt werden können, was zwangsläufig den Ausschluss von anderem mit sich bringt, und weil es Grenzen gibt. Diese Grenzen können festgelegt oder verschiebbar sein. Sie sind festgelegt, weil wir zum Beispiel auch bei größter Anstrengung nicht so hochfrequente Töne wahrnehmen können wie Hunde. Hinsichtlich verschiebbarer Grenzen wäre beispielsweise unsere Aufnahmefähigkeit zu erwähnen: Wir sind nicht an jedem Tag gleich aufnahmefähig und unterscheiden uns in dieser Hinsicht auch voneinander. Ebenfalls begrenzt in unserem Wahrnehmen sind wir im Hinblick auf unsere psychische Innerlichkeit. Es gibt zum Beispiel, wie die Tiefenpsychologie zeigt, eine innerpsychische Abwehr, die uns daran hindert, alles wahrzunehmen, was in uns vorgeht oder ist. Hierbei handelt es sich jedoch um verschiebbare Grenzen, die Gegenstand so mancher psychotherapeutischer Arbeit sind. Grenzen sind aber nicht nur negativ, sondern auch notwendig, weil sie vor Überlastung schützen.

Hinsichtlich der verschiebbaren Grenzen wäre auch der Geschwindigkeits- und Zeitfaktor zu erwähnen. So nehmen wir uns in unserer von Schnelligkeits- und Beschleunigungsdominanz geprägten Gesellschaft (siehe dazu den Aufsatz mit dem Titel „Entschleunigung, Innehalten, Eigenzeit“ in diesem Webspace) oft nicht genug Zeit für genaueres Wahrnehmen, wodurch es oberflächlich bleibt. Dies ist zwar nicht grundsätzlich abzulehnen und kann manchmal durchaus wichtig sein; ein ernstes Problem besteht jedoch in der Einseitigkeit, das heißt, dass wir uns offenbar immer weniger Zeit für genaueres Wahrnehmen gönnen (können).[4]

Wir nehmen aber auch mehr wahr, als gegeben ist. Dies sei exemplarisch am so genannten Neun-Punkte-Problem verdeutlicht: Wie können folgende neun Punkte durch nicht mehr als vier gerade und zusammenhängende Linien verbunden werden?
 


 



Worin besteht das Problem, diese Aufgabe zu lösen, und was hat dies mit den Zutaten zu tun? Wir bringen offenbar die Punkte in einen Zusammenhang, indem wir - zunächst wahrscheinlich unbemerkt - Vierecke „hineinsehen“. Wir nehmen nicht neun isolierte Punkte wahr, sondern Vierecke.[5] Diese Zutat ist hinderlich für die Problemlösung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Zutaten uns immer behindern. Einerseits ermöglichen, steuern, erweitern sie unser Wahrnehmen[6] und sind notwendig, denn ohne sie wäre alles zusammenhanglos und deshalb unverständlich, beunruhigend, vielleicht sogar bedrohlich. Andererseits sind sie wirklich hinderlich für so manche Problemlösung. Sie können das Wahrnehmen auch (massiv) verzerren.[7] Ferner beschränken sie (auch notwendigerweise) das Wahrnehmen, weil sie - zumindest temporär - anderes ausschließen.

Im Folgenden wird die Zutaten-Thematik etwas plastischer anhand von Beispielen[8] und Forschungsberichten verdeutlicht. Zunächst wird der Inhalt des Wahrnehmens in den Vordergrund gestellt (was wird wahrgenommen?) und es werden zwei prinzipielle (transzendentale) Bedingungen des Wahrnehmens thematisiert, danach wird die Rolle der Beurteilung im Prozess des Wahrnehmens erörtert.

Schon die bloße Anwesenheit eines Beobachters übt Einfluss darauf aus, was wahrgenommen werden kann (der Beobachter als Zutat). Dies zeigt der Psychoanalytiker und Ethnologe Georges Devereux an einem Fallbeispiel in seinem Buch „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften”:


Meine (Devereuxs) Sedang-Informanten erzählten mir wiederholt, dass während (ritueller) Trinkgelage Sexspiele stattfänden. Sie zitierten eine Reihe von Vorfällen, die ihre Aussagen stützen sollten. Ich war zunächst geneigt Abstriche zu machen, denn obwohl ich mehrere Trinkgelage beobachtet hatte, hatte ich keinerlei wie auch immer geartete Sexspiele bemerken können. Nachdem ich jedoch durch meine Adoption zu einem Mitglied der Ingroup geworden war, wurde ich Zeuge einiger Vorfälle, die die früheren Aussagen meiner Informanten bestätigten und somit im Gegensatz zu meinen früheren Beobachtungen standen. Vor meiner Adoption war das erotische Verhalten durch meine Anwesenheit gehemmt worden; sobald ich adoptiert war, verhielten sich die Leute in meiner Gegenwart so, wie sie es auch normalerweise taten.
 


Die Tatsache, dass diese Personen von einem (zunächst) Fremden beobachtet werden, bestimmt, was wahrgenommen werden kann und was nicht. Als wahrnehmende Personen können wir einerseits Störquelle im Prozess des Wahrnehmens sein; andererseits sind wir die wichtigste Zutat.

Wer obiges Beispiel als etwas zu weit hergeholt ansieht, sei auf die Schulrealität verwiesen: SchülerInnen verhalten sich üblicherweise bei Anwesenheit einer Lehrperson anders als bei ihrer Abwesenheit. Dementsprechend wird auch jeweils anderes wahrzunehmen sein. Gleiches gilt, wenn klassenexterne Personen (Praktikanten, Direktor, Inspektor usw.) eine Schulklasse besuchen.

Zutaten, die das Wahrnehmen überhaupt erst ermöglichen, sind zum Beispiel Raum und Zeit. Sie sind diesem Prozess in formierender Hinsicht vorausgesetzt. Diese These vertritt Immanuel Kant. Sie hält auch für die Erörterung der Zutaten des Wahrnehmens einiges bereit. Es geht hier nicht darum, die gesamte Thematik darzulegen, geschweige denn alle sich ergebenden Fragen anzusprechen, sondern nur von Kant zu übernehmen, was für diese Thematik wichtig erscheint.

Kant behandelt die Fragen zu Raum und Zeit in seiner „Kritik der reinen Vernunft” im Kapitel „Transzendentale Ästhetik”. „Ästhetik” kommt vom griechischen Verb „aisthanesthai”, das wörtlich übersetzt „wahrnehmen” bedeutet. Kant verwendet in diesem Abschnitt mehrmals das Wort „Wahrnehmung”[9] (zum Beispiel auf den Seiten 86, 88, 89, 90, 105, 106, 107 der Reclam-Ausgabe). „Transzendental” bedeutet auf unser Thema bezogen zu untersuchen, welche allgemein-formalen Voraussetzungen laut Kant das Wahrnehmen erst ermöglichen. Solche transzendentalen Voraussetzungen sind u. a. Raum und Zeit. Sie entstammen nicht dem Wahrnehmen, sondern liegen „im Gemüte a priori bereit” (§ 1) und formieren das Wahrnehmen.

Wie könnten wir diesbezüglich, ohne genauer auf die umfangreiche Analyse Kants einzugehen, in seinem Sinne argumentieren? Wir könnten sagen, dass etwas, um überhaupt wahrgenommen werden zu können, raum-zeitlich geordnet werden muss. Etwas ist jetzt (Zeit) hier (Raum). Sinnesdaten haben einen Ort und treten zugleich oder in zeitlicher Abfolge auf; sie dauern an, entstehen, vergehen. Raum und Zeit sind in formaler Hinsicht als Voraussetzungen notwendig, weil man zwar einen Raum ohne Gegenstände wahrnehmen kann, nicht aber Gegenstände ohne Raum. Ebenso kann man zwar wahrnehmen, dass eine Zeitlang nichts geschieht; weglassen kann man Zeit aber nicht. Mittels Raum und Zeit wird der Mannigfaltigkeit der Sinnesdaten ein bestimmtes Ordnungsmuster auferlegt. Wir müssen notwendigerweise, alternativ- und ausnahmslos raum-zeitlich wahrnehmen. Und was allgemein und notwendig ist, kann nicht aus dem jeweiligen (subjektiven) Prozess des Wahrnehmens stammen, weil gleiche Situationen nicht allgemein und notwendig so, sondern oft höchst unterschiedlich wahrgenommen werden. Insofern können die Zutaten Raum und Zeit nur Bedingungen der Möglichkeit des Wahrnehmens sein.

Es soll hier aber nicht Kant folgend die mögliche Existenz eines objektiven Raumes und einer objektiven Zeit überhaupt in Abrede stellen. Immerhin gibt es ebenso prominente Vertreter der gegenteiligen Ansicht, nämlich Leibniz und Newton, die zumindest darin übereinstimmen, dass Raum und Zeit unabhängig von uns existierten, also auch fortbestünden, wenn es keine wahrnehmenden Subjekte gäbe. Vielleicht ist diese Kontroverse nur sehr schwer oder gar nicht aufzulösen. Doch Kants Theorie, dass Raum und Zeit als unsere Zutaten unumgängliche Bedingungen unseres Wahrnehmens sind, scheint von großer Wichtigkeit. Außerdem wird auch dadurch unser Einbringen von Zutaten deutlich.

Eine Zutat, die selbst größtenteils aus dem Wahrnehmen stammt, aber auch das Wahrnehmen steuert, ist die Sprache. Letzteres zeigt ein Teil der Analysen des Sprachwissenschaftlers Benjamin Lee Whorf. Wie schon vorhin bei Immanuel Kant kann auch hier nicht die gesamte Theorie mit allen kritischen Einwänden erörtert werden. Es wird aber dargelegt, was sie für eine Reflexion des Wahrnehmens bereithält.

Whorf meint, dass verschiedene Sprachen Wahrzunehmendes unterschiedlich gliedern und dass die herausgegliederten Einzelheiten durch verschiedene Grammatiken unterschiedlich verbunden werden. Sein „linguistisches Relativitätsprinzip” besagt, dass (...) „kein Individuum die Freiheit hat, die Natur mit völliger Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist.”[10] Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, würden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt (S 20). Sprachen würden sich nicht nur darin unterscheiden, wie sie ihre Sätze aufbauen, sondern auch darin, wie sie die Natur zerschneiden, um jene Elemente zu bekommen, aus denen sie die Sätze aufbauen (S 40). Dies zeige sich besonders, wenn wir unseren Sprachen das Semitische, Chinesische, Tibetanische, afrikanische Sprachen oder die Eingeborenensprachen Amerikas gegenüberstellen (S 13).

Whorf verdeutlicht seine These an zahlreichen Beispielen; eines möchte ich hier referieren (S 42ff): Er weist darauf hin, dass unsere Sätze, sofern es sich nicht um Imperative handelt, Subjekte und Prädikate beinhalten. Als Subjekte fungieren Nomen (auch Pronomen - Erweiterung durch B. P.), als Prädikate Verben. Nativsprachen Amerikas zeigen uns seinen Analysen nach, wie man mit einer passenden Grammatik rationale Sätze bilden könne, die nicht in Subjekt und Prädikat auflösbar seien. In der Sprache der Nootka auf der Insel Vancouver sei die einzige Satzart eine solche ohne Subjekt und Prädikat. Es gebe überhaupt keine Satzteile; die einfachste Äußerung sei ein Satz, der von irgendeinem Ereignis oder Ereigniskomplex handle. Lange Sätze seien Sätze aus Sätzen und nicht Sätze aus Wörtern. Da die meisten unserer Verben aus der Natur etwas isolieren würden, was wir Tätigkeiten nennen, würden wir ein Tun in jeden Satz hineinlesen, sogar in Sätze wie ‹Ich halte es›. Wir müssten auch sagen ‹Es blitzt› oder ‹Ein Licht blitzt› und damit einen Täter, ‹Es› oder ‹Ein Licht›, konstruieren, der ausführt, was wir eine Tätigkeit nennen: blitzen. In der Hopisprache gebe es wie im Nootka keine Teilung in Subjekte und Prädikate und auch Verben ohne Subjekte. Dort gebe es die Zweiteilung der Natur in Subjekt und Prädikat, Täter und Tätigkeit nicht. Whorf weist auch darauf hin, dass die Strukturphänomene der Sprachen Hintergrundsphänomene seien, die man gar nicht oder bestenfalls sehr ungenau wahrnehme (S20).

Im Zusammenhang mit Whorfs Theorie ergeben sich einige Probleme: Zunächst wäre anzumerken, dass es Wahrnehmen auch ohne Sprache gibt; zum Beispiel nehmen Babys, die der Sprache noch nicht mächtig sind, auch wahr. Und obwohl Sprache selbst wahrgenommen (gelernt) wird, ist sie nicht nur ein Resultat des Wahrnehmens, sondern auch ein Produkt des Denkens. Wahrscheinlich würde Kant in diesem Zusammenhang vertreten, dass wir hierbei - nennen wir sie vermutlich in seinem Sinn - die vorausgesetzte Verbindungsfähigkeit unseres Verstandes, die nicht aus dem Wahrnehmen stammt, anwenden. Ihm wäre wohl recht zu geben. Für diese These spricht, dass wir mittels unserer Denkprozesse neue Begriffe bilden, alte abstreifen können. Dies lässt sich an der Dichtung ebenso zeigen wie an unserer sprachgeschichtlichen Entwicklung. Außerdem ist diese vorausgesetzte Verbindungsfähigkeit für das Erlernen der Muttersprache vonnöten. Denn woher sollte ein Baby wissen, dass es sich zum Beispiel um ein Buch handelt, wenn darauf gezeigt wird, und dass nicht der Finger, der darauf zeigt, „Buch“ ist, bzw. sobald er auf etwas anderes zeigt, eben das andere ist. Auch Grammatiken werden zunächst zumindest ohne es zu bemerken aufgrund dieser Verbindungsfähigkeit aufgenommen und je nach Grammatik kann das Ergebnis der Verbindung sehr unterschiedlich sein. Damit wären wir aber wieder bei den oben erwähnten Ausführungen Whorfs. Doch müssten unsere Einstiegsfragen auch an Whorfs Theorie herangetragen werden, denn auch in der Sprachwissenschaft werden Sprachen wahrgenommen.

Ausgehend von Whorfs Theorie wäre weiter zu fragen, was Sprachen grundsätzlich im Zusammenhang mit Wahrnehmen leisten. Hier wäre anzuführen, dass sie das Wahrnehmen einerseits erweitern, andererseits beschränken. Die Erweiterung lässt sich u. a. an der Rezeption von Kunst verdeutlichen. Hier können wir feststellen, dass die Qualität des Wahrnehmens von der ergänzenden Begrifflichkeit abhängt. Musikstücke, Gemälde, Skulpturen usw. können wir viel genauer wahrnehmen, wenn wir sie erläutert bekommen und/oder selbst in Sprache kleiden. Die Erweiterung hängt paradoxerweise mit dem Gegenteil, der Beschränkung, zusammen. Sprache bestimmt, das heißt beschränkt, schließt aus: Etwas oder jemand ist so bzw. nicht so. Insofern als Sprache bestimmt, was und/oder wie jemand oder etwas ist bzw. nicht ist, urteilt sie: Was Sie gerade vor sich haben, ist ein Text und kein Spielfilm und er hat ein bestimmtes Format. Solche Bestimmungen erfolgen ebenfalls, wenn Zusammenhänge, Ordnungen usw. hergestellt werden. Bestimmungen können zwar revidiert, erweitert usw. werden; sie stellen aber zumindest temporär Fixierungen dar, die Leitlinien vorgeben.

Wenn wir wahrnehmen, spielen oft auch Zuschreibungen als Zutat eine Rolle. Es passiert zumindest des Öfteren, dass wir mit bestimmten vorgefassten Meinungen an Wahrzunehmendes herangehen oder umgekehrt mit unseren Gedanken (weit) über das Wahrgenommene hinausgehen. Man denke beispielsweise an eine Person, die sich verfolgt fühlt und Verhaltensweisen anderer als gegen sich gerichtet wahrnimmt. Zuschreibungen beschränken sich nicht auf Wahrgenommenes, können jedoch das Wahrnehmen steuern. Sie müssen nicht immer falsch sein; sie stimmen aber auch nicht immer, obwohl sie oft hartnäckig als richtig bezeichnet werden und sich durch Belege stützen lassen.

An dieser Stelle sei es dem Leser/der Leserin überlassen nach weiteren Beispielen im eigenen Erfahrungsbereich und/oder in der Literatur zu suchen, die obige Zutaten verdeutlichen. Eine Fundgrube bieten u. a. das schon erwähnte Buch von Georges Devereux „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ sowie die populärwissenschaftlichen Bücher von Paul Watzlawick „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ und „Anleitung zum Unglücklichsein“.

Trotz der zahlreichen Zutaten muss betont werden, dass das Ergebnis des Wahrnehmens auch vom Angebot abhängt. In Bezug auf das Wahrnehmen anderer Personen heißt das, dass es nicht nur davon beeinflusst wird, was ich in der anderen Person sehe, sondern auch davon, was die andere Person mir zeigt bzw. zeigen will oder kann. Das Wahrnehmen wird nicht nur von innen her gesteuert, sondern auch von außen initiiert. Der Dichter Wilhelm Busch scheint wohl recht zu haben, wenn er reimt: „Von hinten schaut ein Haus / ganz anders als von vorne aus.” Das Ergebnis des Wahrnehmens scheint sowohl vom „Haus” (als Symbol aufgefasst) als auch vom Standort des Betrachters (einer Zutat) abhängig zu sein.


1. 2     Ein kleiner Beitrag zur Subjektivitäts-Objektivitäts-Diskussion im Zusammenhang mit dem Wahrnehmen


Hinsichtlich der Subjektivität hört man des Öfteren wie schon erwähnt, dass sowieso alles subjektiv sei, also auch das Wahrnehmen. „Subjektiv” kann auf unser Wahrnehmen bezogen nicht nur mit „unterschiedlich“, sondern auch mit „einseitig”, „parteiisch” übersetzt werden. Demnach gibt es wohl einiges, wo Unterschiedlichkeit, Einseitigkeit und Parteilichkeit nicht zutreffen. Wenn Sie zum Beispiel mit den Innenflächen Ihrer Hände kräftig aufeinander schlagen, werden alle, die des Hörens mächtig sind, bejahen, dass sie ein Klatschen wahrnehmen und kein Vogelgezwitscher. Ferner ist dieses Wahrnehmen weder einseitig noch parteiisch. Obige Behauptung kann also so nicht stimmen.

Vielleicht kann auch auf Subjektivität bezogen ebenso wie zu Beginn dieses Aufsatzes ein sprachgeschichtlicher Exkurs erhellend wirken: Das Wort „subjektiv” gibt es seit dem 18. Jahrhundert. „Subjektiv” wird formal nach lat. „subiectivus” gebildet, was „zum Subjekt gehörig” bedeutet. Das Fremdwort „Subjekt” wiederum ist in der Philosophie die Bezeichnung für das erkennende, mit Bewusstsein ausgestatte Ich. Es ist im 16. Jahrhundert aus lat. „subiectum” entlehnt worden und bedeutet „Satzgegenstand, Grundbegriff”. „Subiectum” gehört im Sinne von „das Daruntergeworfene, Zugrundegelegte” zu lat. „subicere” (sub = unter; iacere = werfen). Wir werden dem Wort also am ehesten gerecht, wenn wir es mit „darunter werfen, unterlegen, zugrunde legen” übersetzen. Insofern wir immer als Person, als Subjekt involviert sind[11], wenn wir wahrnehmen, wird das Wahrnehmen immer auch subjektiv sein, sodass an obiger Behauptung durchaus etwas „dran” ist.

Wie sieht es mit dem Gegenteil, dem Wort „objektiv”, aus? Die Aussage, dass alles objektiv sei, will uns schon viel weniger einleuchten. Das Wort ist eine Ableitung aus lat. „obiectivus” und bedeutet „auf ein Objekt bezüglich, gegenständlich, tatsächlich, sachlich, unvoreingenommen”. Das Fremdwort „Objekt” ist seit dem 14. Jahrhundert bezeugt, geht auf lat. „obiectum”, das nominalisierte zweite Partizip von „obiecere” zurück und bedeutet „entgegengeworfen, entgegengestellt, vorgesetzt”. Insofern als wir es auch immer mit vorgesetzten Inhalten, also mit Objekten zu tun haben, wenn wir wahrnehmen, ist obige Behauptung auch nicht ganz vom Tisch. An dieser Stelle muss aber nochmals darauf hingewiesen werden, dass auch für diese Hinweise und für die Etymologie die zu Beginn dieses Aufsatzes skizzierten Probleme bestehen.

Offenbar sind immer subjektive und objektive Anteile vorhanden, wenn wir wahrnehmen. Wahrnehmen kann weder nur auf der subjektiven noch nur auf der objektiven Seite festgemacht werden (wenn etwas „darunter geworfen” wird, worunter wird es geworfen? Und wenn etwas „entgegengestellt” wird, wem ist es entgegengestellt?). Einmal wird das Wahrnehmen näher beim Objekt angesiedelt sein und verschiedene Personen werden zu gleichen Ergebnissen kommen. Ein andermal wird es stärker subjektbezogen sein, zum Beispiel wenn die SchülerInnen einer Klasse dieselbe Schulstunde zu diesem Thema langweilig bzw. interessant usw. finden.
In unserer Gesellschaft wird jedoch die Objektivität nahezu kultisch verehrt. Das hat wohl damit zu tun, dass sie mehr Sicherheit verspricht; eine Sicherheit, die aber trügerisch sein kann. Oft gibt es den Hinweis, dass etwas objektiv sei, weil viele Personen es in der gleichen Weise wahrnehmen. Doch das Urteil ist nicht deswegen schon objektiv; es zeigt lediglich, dass viele Personen etwas gleich wahrnehmen. Zumindest in Bezug auf Lebendiges, Soziales erscheint es fraglich, ob überhaupt von Objektivität gesprochen werden kann, wenn hiermit etwas Sachliches, Gegenständliches, Dinghaftes, also etwas Totes gemeint ist.

Damit sind aber keineswegs alle Probleme gelöst. Denn der Beurteilung, ob etwas subjektiv bzw. objektiv ist und was man darunter versteht, ist immer ein beurteilendes Subjekt vorausgesetzt, sonst gibt es überhaupt keine Beurteilung. Da dieser vorhergehende Satz ebenfalls eine Beurteilung ist, für die wiederum ein vorausgesetztes Subjekt geltend gemacht werden kann, stellt sich hier eine unauflösbare Voraussetzungsproblematik. So gesehen müssen wir uns wohl damit abfinden, dass es jeweils einen unaufklärbaren, immer schon vorausgesetzten Rest gibt, der endgültige, abschließende Antworten verhindert. Allerdings kann die Position, dass es keine solchen Antworten gibt, auch nicht als unverrückbar gelten. Sonst wäre eine abschließende Antwort, dass es keine abschließenden Antworten gibt. Ein logischer Widerspruch!

Zweierlei scheint sinnvoll zu sein: erstens zu versuchen, das jeweils Entgegengesetzte („Objektive”) so genau wie möglich wahrzunehmen und zweitens sich die jeweiligen Zutaten[12] so weit wie möglich bewusst zu machen, da sie sonst ein unkontrolliertes Eigenleben führen (können). Das bedeutet, mehr Subjektivität zu beachten, und könnte einerseits beunruhigen, weil weniger (suggerierte) Sicherheit vorhanden sein dürfte als bei der so genannten Objektivität. Andererseits wäre durch häufigeres Akzeptieren von subjektiven Unterschieden größere Vielfalt möglich, die bereichern kann. Und wahrscheinlich ist die erkannte Unsicherheit wertvoller als die vermeintliche Sicherheit. Dennoch werden wir immer wieder festlegen (müssen), dass etwas oder jemand so und nicht anders ist, wie wir jetzt wahrnehmen, schon weil wir nicht ständig die Ergebnisse unseres Wahrnehmens prüfen, hinterfragen können. Aber es ist u. a. aus den angegebenen Gründen wichtig, davon ein Stück abzurücken, wann immer dies möglich ist. Bezogen auf die bisherige Theoriebildung zum Wahrnehmen könnte so etwas Bewegung in erstarrte, leblose Theorie gebracht werden. Manche Theorie schaut gerade deshalb „objektiv” aus, weil für die Theoriebildung die skizzierten Probleme ausgeklammert werden. Eine so genannte „objektive” Theorie zum Wahrnehmen zu erstellen ist aber schon deshalb nicht möglich, weil das Wahrnehmen auch vor und während der Theoriebildung immer stattfindet und jeder Theorie der jeweils Theorie bildende, wahrnehmende Mensch vorausgesetzt ist. Damit sind Zutaten wirksam, die auch für die Theoriebildung Bedeutung haben. Weil auch ebendiese Ansicht eine Theorie darstellt, haben wir es hier wieder mit unserem unauflösbaren Voraussetzungsproblem zu tun.


1. 3     Überblick in Thesenform

 

1. 4     Warum könnte/müsste das Thema „Wahrnehmen“ von Interesse sein?

Hierzu lassen sich zumindest fünf Punkte anführen:


2     Zur Praxis des Wahrnehmens: die Schulklasse als soziales Lernfeld


Damit die Ausführungen nicht „graue Theorie” bleiben, könnte in Schulklassen zumindest eine der folgenden Übungen durchgeführt werden. Auf diese Weise könnte es gelingen, die Verstehensfähigkeit (das Selbstverständnis und das Verstehen anderer) zu erweitern, indem man sich selbst und andere hinsichtlich der Zusammenhänge befragt (Warum nehme ich jemanden / etwas so wahr, warum andere das Gleiche anders?), um so vielleicht andere Wege zum Beispiel im Fall der Problembewältigung zu finden. Es kann auch mit dem Praxisteil begonnen bzw. mit ihm das Auslangen gefunden werden.


Mag. Dr. Bruno Posod
 

[1] Manche Überlegungen basieren zum Teil auf der Gedankenführung von Erwin Straus in seinem Buch „Vom Sinn der Sinne. Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie”.

[2] Das wird so manchem schon zu weit gehen, da er nicht vom Fühlen, sondern vom Tasten spricht. Letzteres ist nach außen gerichtet. Dementsprechend wird das Wahrnehmen oder die Wahrnehmung als nur nach außen gerichtet erfasst. Aber es gibt auch das nach innen gerichtete Wahrnehmen. – Es könnte in diesem Zusammenhang wohl auch lohnend sein, über den so genannten „sechsten Sinn“ zu spekulieren; das würde aber sicherlich den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

[3] Wahrnehmen ist in zweifacher Hinsicht prozessual: Zum einen findet ein Prozess statt, wenn das Wahrnehmen hier und jetzt in uns abläuft. Zum anderen befinden wir uns insofern in einem Prozess, als durch unser Wahrnehmen immer wieder etwas hinzukommt, wir also anders werden.

[4] Das Problem von Wahrnehmen und Zeit würde einen eigenen Aufsatz erfordern. Anstöße zu diesbezüglichen Überlegungen finden sich auf der Homepage des „Vereins zur Verzögerung von Zeit“:  www.zeitverein.com

[5] Hier könnte eingewandt werden, dass es sich nicht um Wahrnehmen handelt, sondern um eine Denkleistung, weil Zusammenhänge hergestellt werden. Um dem entgegenzutreten zu können, wäre eine genauere Abhandlung vonnöten, was denn Denken sei. Das ist aber nicht das Thema dieses Aufsatzes. Nur so viel: Obwohl es laut S. Freud auch das „unbewusste Denken“ gibt, verstehen wir unter Denken in der Regel etwas Bewusstes. Sofern es sich hier um - zumindest zunächst - keinen bewussten Vorgang handelt, kann er nicht dem bewussten Denken zugeordnet werden.

[6] Letzteres zeigt sich z. B. beim Erwerb von Fachkenntnissen in Musik, Malerei etc. genauso wie beim Lesenlernen: Die Lesefähigkeit erweitert das Wahrnehmen.

[7] Es könnte interessant sein zu untersuchen, ob bzw. auf welche sozialen Situationen man das Neun-Punkte-Problem beziehen kann, wenn man es symbolisch deutet. Gibt es soziale Probleme, die deswegen schwierig zu lösen sind, weil wir Bestimmtes in sie „hineinsehen“? Wegen der Vermeidung eines noch größeren Umfangs sei es aber dem Leser überlassen, dieser Frage nachzugehen.

[8] Die Beispiele eignen sich nicht als Argumente, weil sie selbst das Wahrnehmen in mehrfacher Hinsicht voraussetzen (das Wahrnehmen der angeführten Psychologen, das Wahrnehmen des Autors usw.).

[9] Dass das Wort “Wahrnehmen” zutreffender wäre, wurde schon erläutert. Dies wäre auch hier kritisch einzuwenden.

[10] Whorf, B. L.: Sprache - Denken - Wirklichkeit. Reinbek bei Hamburg 1963, S 12

[11] Dies bedeutet jedoch nicht, dass Subjektivität losgelöst von (gesellschaftlicher) Allgemeinheit ist. Hier besteht immer ein Zusammenhang.

[12] Falls sich hier ein Vergleich mit dem Kochen aufdrängt, ist er nicht unzulässig: Zutaten machen eine Speise schmackhaft; sie können sie aber auch ungenießbar machen. Ähnliches gilt für das Wahrnehmen.

[13] Besonderes Augenmerk sollte darauf gelegt werden, dass thematisiert wird, was für eine wünschenswerte Weiterentwicklung aller günstig erscheint. Hierbei können aber auch zum Beispiel Konfliktpotentiale angesprochen werden.

[14] Sollte die Schulklasse groß sein, könnte eine SchülerInnengruppe die BeobachterInnenrolle übernehmen. Diese Gruppe nimmt am vorher erwähnten Arbeitsprozess nicht teil, sondern könnte sich eigenständig und / oder unter Mithilfe der Lehrkraft überlegen, was beobachtet werden soll, oder spontan festhalten, was auffällt. Zu einem passenden Zeitpunkt informiert diese Gruppe die anderen SchülerInnen über ihre Beobachtungen.

[15] Statt diesen Gegensatz einseitig abzuspannen, wäre darauf zu achten, dass beides angesprochen wird. Wahrscheinlich werden aber die SchülerInnen eher nach Gemeinsamkeiten suchen, weil Unterschiede des Öfteren eine Zumutung darstellen. Dann müsste die Lehrkraft den Blick aufs Gegenteil lenken.

[16] Um die zwei bis drei Unterrichtsstunden zu diesem Thema attraktiver zu gestalten, wird es wahrscheinlich notwendig sein, dass die Lehrkraft die SchülerInnen ermuntert, nicht nur einzubringen, was sozial erwünscht ist oder alle / viele ohnedies voneinander wissen, sondern dass die Mitteilungen vor allem dem Quadranten des Johari-Fensters „mir bekannt / anderen unbekannt“ entstammen.

[17] Vorher könnten Feed-Back-Regeln erörtert werden. Die Lehrkraft sollte aber unbedingt darauf hinweisen, dass es bei den Rückmeldungen vor allem darum geht, dem Mitschüler / der Mitschülerin, der / die gerade Thema ist, zu helfen sich weiter zu entwickeln.