Vorbemerkung: Der folgende Aufsatz besteht aus einem Theorie- und einem
Praxisteil. Letzterer beinhaltet Übungen, die vom Autor für den Unterricht
entwickelt, oft mit Erfolg eingesetzt und manchmal anhand der Unterrichtserfahrungen modifiziert wurden. Die Unterrichtsarbeit zu diesem Thema
kann auch den Praxisteil voranstellen bzw. nur mit ihm das Auslangen finden.
1 Zur Theorie des Wahrnehmens – ein philosophischer Zugang als
Diskussionsbeitrag
„Alles ist subjektiv!“ heißt es immer wieder; also auch das Wahrnehmen. Das
scheint zunächst einleuchtend, nehmen Sie doch soeben diesen Text wahr. Andere
Personen, die beispielweise nicht gerade jetzt mit diesem Aufsatz beschäftigt
sind, werden etwas anderes wahrnehmen. Doch was bedeutet „subjektiv“? Heißt es,
dass wir alle (immer) Unterschiedliches wahrnehmen? Und wenn das der Fall ist:
Tragen wir aber dieser Subjektivität immer Rechnung oder vernachlässigen wir sie
nicht zumindest hie und da? Müssen wir dies vielleicht immer wieder tun? Oder
bezieht sich die Subjektivität auf die Bewertung des Wahrgenommen? Und wenn
alles subjektiv ist, dann müsste doch auch die Aussage, dass alles subjektiv
ist, ebenso subjektiv sein.
Oder ist unser Wahrnehmen objektiv? Das ist schon weniger einleuchtend. Dennoch
werden alle, die diesen Aufsatz lesen, bejahen, dass sie einen Text wahrnehmen
und keine bewegten Bilder. Also ist Wahrnehmen doch nicht so subjektiv, wie es
scheint, sondern allgemeiner, ähnlicher? Aber wird beim Antwortversuch auf die
Fragen, ob Wahrnehmen subjektiv oder objektiv sei, das Wahrnehmen nicht als
etwas Äußeres betrachtet, ohne hierbei das Wahrnehmen, das hier, jetzt und in
uns abläuft, zu berücksichtigen? Und stellt sich hierfür nicht auch wieder die
Frage nach der Subjektivität bzw. Objektivität? Was meint man überhaupt mit
Wahrnehmen? Kann man es vom Denken trennen? Mit diesen und anderen Fragen
beschäftigt sich dieser Aufsatz.
Die Überschrift „Wahrnehmen” und nicht „Wahrnehmung” ist absichtlich gewählt.
Die hauptwörtlich gebrauchte Nennform des Tätigkeitsverbs wird verwendet, weil
sie verdeutlicht, dass wir etwas tun, wenn wir wahrnehmen, und dass das
Wahrnehmen insofern den Charakter des Lebendigen, Zeitlichen hat.[1] Dieser Aspekt
wird von vielen zu wenig beachtet, wenn sie von „Wahrnehmung” sprechen. Das
Nomen steht eher für den Charakter des Äußeren, Dinghaften. Auf diese Weise
haben wir neben anderen Dingen auch Wahrnehmungen. Wir haben Eindrücke; unsere
Aktivität bleibt hierbei aber weitgehend verborgen. Und außerdem: Verändert sich
unser Wahrnehmen nicht auch lebensgeschichtlich? Verändert es nicht auch uns und
beeinflusst es damit nicht ebenso unser weiteres Wahrnehmen? Wenn das so ist,
müsste Wahrnehmen unter dem Gesichtspunkt des Anders-Werdens begriffen werden.
Doch diese Ansicht ist ebenfalls nur eine Auffassung unter vielen anderen.
Obwohl das Wort „Wahrnehmung” (oder besser: wahrnehmen) zumindest alle
verstehen, die Deutsch als Muttersprache haben, ist es schwierig zu beschreiben,
geschweige denn zu definieren. Ein Problem besteht darin, dass bei allen
Beschreibungs- bzw. Definitionsversuchen das Wahrnehmen vorausgesetzt werden
muss und immer auch gegenwärtig ist: Es findet immer gerade hier und jetzt
statt.
Ein Blick in die Etymologie, der Lehre von der Herkunft der Wörter und
Wortfamilien, zeigt uns, dass „Wahrnehmen” von „war nemen” (mittelhochdeutsch)
bzw. „wara neman” (althochdeutsch) kommt. Der jeweils erste Teil bedeutet
„Aufmerksamkeit, Acht, Obhut, Aufsicht”. Man kann Wahrnehmen also u. a. mit
„Aufmerksamkeit schenken” umschreiben. Es hat mit „Wahrheit”, wie man vielleicht
annimmt, nichts zu tun. Damit sind wir zwar ein kleines Stück weiter, dennoch
haben wir hiermit weder das Wahrnehmen hinlänglich beschrieben noch alle
eingangs gestellten Fragen beantwortet. Denn erstens ist damit nicht
beantwortet, warum wir gerade jetzt diesem und nicht jenem Aufmerksamkeit
schenken. Zweitens nimmt die Etymologie selbst die Sprache in ihrer Entwicklung
wahr und setzt insofern das Wahrnehmen mit den meisten obigen Fragen voraus,
ohne sich näher damit auseinander zu setzen. Drittens sind wir es, die diese
Befunde der Etymologie wahrnehmen.
Genau genommen müssten wir uns auf das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen[2]
beschränken, wenn wir das Wahrnehmen untersuchen, und es von Denkakten trennen,
denn es ist nur mit Sinnesdaten und deren Verarbeitung befasst. Obwohl sich das
Denken weit jenseits des Wahrzunehmenden bewegen kann, ist eine grundsätzliche
Trennung von Wahrnehmen und Denken unmöglich. Erstens wird die Untersuchung des
Wahrnehmens immer durch das Denken vermittelt und begleitet. Zweitens sind
(vorausgesetzte) Denkleistungen beim Erheben von Sinnesdaten erforderlich.
Drittens schaltet sich das Denken immer wieder mit Begriffen, Bewertungen, (Vor)Urteilen
usw. in den Prozess des Wahrnehmens[3] ein, vor allem wenn wir uns
vergegenwärtigen, dass wir hier und jetzt wahrnehmen, was wir nicht andauernd
tun. Dennoch wird im Rahmen diese Aufsatzes analytisch versucht, den Schwerpunkt
der Untersuchung, obwohl durch das Denken vermittelt, auf die Ebene des
Sinnlichen zu legen.
1. 1 Zutaten
Aufgrund unserer Zutaten nehmen wir weniger und mehr wahr, als abläuft, vor sich
geht etc., kurzum gegeben ist. Das scheint paradox, sprechen wir doch von mehr
oder weniger. Und wie sollte etwas weniger werden, wenn eine Zutat hinzukommt?
Zutat bedeutet, dass wir zum Prozess des Wahrnehmens etwas beitragen, fürs
Wahrnehmen etwas mitbringen, dem Wahrzunehmenden etwas zusetzen, meist ohne dass
wir es bemerken. Die wichtigste Zutat sind wir als jeweilige Person, die etwas
oder jemanden wahrnimmt. Obwohl es das absichtsvolle Wahrnehmen genauso gibt wie
jenes, das ohne unsere bewusste Absicht erfolgt, sind wir immer daran beteiligt.
Ohne uns gibt es unser Wahrnehmen nicht. Außerdem strukturieren wir das
Gegebene, bringen es in eine bestimmte, für uns wahrnehmbare Form.
Mit uns als Person sind unsere Interessen, Triebregungen und Gefühle sowie
zahlreiche weitere Faktoren im Prozess des Wahrnehmens als Zutaten wirksam.
Diesbezüglich sind zum Beispiel entwicklungsbedingte (auf verschiedene
menschliche Entwicklungsstadien bezogene) und geschlechtsspezifische Umstände
genauso zu nennen wie moralische, unbewusste, soziokulturelle
(gesellschaftliche), politische, interpersonelle, physiologische Bedingungen.
Solche Zutaten steuern, wer oder was und wie wahrgenommen wird. Sie können
selbst wahrgenommen werden. Manche davon stammen aus dem Prozess des Wahrnehmens
bzw. wurden und werden von uns unbemerkt übernommen. Sie können in Bewegung
sein, sich ändern und zu unterschiedlichen Ergebnissen des Wahrnehmens führen.
Aufgrund dieser Zutaten nehmen wir weniger wahr, als gegeben ist, u. a. weil wir
auswählen, wen oder was wir wahrnehmen, weil wir zu bestimmtem Wahrnehmen
genötigt werden können, was zwangsläufig den Ausschluss von anderem mit sich
bringt, und weil es Grenzen gibt. Diese Grenzen können festgelegt oder
verschiebbar sein. Sie sind festgelegt, weil wir zum Beispiel auch bei größter
Anstrengung nicht so hochfrequente Töne wahrnehmen können wie Hunde.
Hinsichtlich verschiebbarer Grenzen wäre beispielsweise unsere Aufnahmefähigkeit
zu erwähnen: Wir sind nicht an jedem Tag gleich aufnahmefähig und unterscheiden
uns in dieser Hinsicht auch voneinander. Ebenfalls begrenzt in unserem
Wahrnehmen sind wir im Hinblick auf unsere psychische Innerlichkeit. Es gibt zum
Beispiel, wie die Tiefenpsychologie zeigt, eine innerpsychische Abwehr, die uns
daran hindert, alles wahrzunehmen, was in uns vorgeht oder ist. Hierbei handelt
es sich jedoch um verschiebbare Grenzen, die Gegenstand so mancher
psychotherapeutischer Arbeit sind. Grenzen sind aber nicht nur negativ, sondern
auch notwendig, weil sie vor Überlastung schützen.
Hinsichtlich der verschiebbaren Grenzen wäre auch der Geschwindigkeits- und
Zeitfaktor zu erwähnen. So nehmen wir uns in unserer von Schnelligkeits- und
Beschleunigungsdominanz geprägten Gesellschaft (siehe dazu den Aufsatz mit dem
Titel „Entschleunigung, Innehalten, Eigenzeit“ in diesem Webspace) oft nicht
genug Zeit für genaueres Wahrnehmen, wodurch es oberflächlich bleibt. Dies ist
zwar nicht grundsätzlich abzulehnen und kann manchmal durchaus wichtig sein; ein
ernstes Problem besteht jedoch in der Einseitigkeit, das heißt, dass wir uns
offenbar immer weniger Zeit für genaueres Wahrnehmen gönnen (können).[4]
Wir nehmen aber auch mehr wahr, als gegeben ist. Dies sei exemplarisch am so
genannten Neun-Punkte-Problem verdeutlicht: Wie können folgende neun Punkte
durch nicht mehr als vier gerade und zusammenhängende Linien verbunden werden?

Worin besteht das Problem, diese Aufgabe zu lösen, und was hat dies mit den
Zutaten zu tun? Wir bringen offenbar die Punkte in einen Zusammenhang, indem wir
- zunächst wahrscheinlich unbemerkt - Vierecke „hineinsehen“. Wir nehmen nicht
neun isolierte Punkte wahr, sondern Vierecke.[5] Diese Zutat ist hinderlich für
die Problemlösung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Zutaten uns immer behindern.
Einerseits ermöglichen, steuern, erweitern sie unser Wahrnehmen[6] und sind
notwendig, denn ohne sie wäre alles zusammenhanglos und deshalb unverständlich,
beunruhigend, vielleicht sogar bedrohlich. Andererseits sind sie wirklich
hinderlich für so manche Problemlösung. Sie können das Wahrnehmen auch (massiv)
verzerren.[7] Ferner beschränken sie (auch notwendigerweise) das Wahrnehmen, weil
sie - zumindest temporär - anderes ausschließen.
Im Folgenden wird die Zutaten-Thematik etwas plastischer anhand von Beispielen[8]
und Forschungsberichten verdeutlicht. Zunächst wird der Inhalt des Wahrnehmens
in den Vordergrund gestellt (was wird wahrgenommen?) und es werden zwei
prinzipielle (transzendentale) Bedingungen des Wahrnehmens thematisiert, danach
wird die Rolle der Beurteilung im Prozess des Wahrnehmens erörtert.
Schon die bloße Anwesenheit eines Beobachters übt Einfluss darauf aus, was
wahrgenommen werden kann (der Beobachter als Zutat). Dies zeigt der
Psychoanalytiker und Ethnologe Georges Devereux an einem Fallbeispiel in seinem
Buch „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften”:
Meine (Devereuxs) Sedang-Informanten erzählten mir wiederholt, dass während (ritueller) Trinkgelage Sexspiele stattfänden. Sie zitierten eine Reihe von Vorfällen, die ihre Aussagen stützen sollten. Ich war zunächst geneigt Abstriche zu machen, denn obwohl ich mehrere Trinkgelage beobachtet hatte, hatte ich keinerlei wie auch immer geartete Sexspiele bemerken können. Nachdem ich jedoch durch meine Adoption zu einem Mitglied der Ingroup geworden war, wurde ich Zeuge einiger Vorfälle, die die früheren Aussagen meiner Informanten bestätigten und somit im Gegensatz zu meinen früheren Beobachtungen standen. Vor meiner Adoption war das erotische Verhalten durch meine Anwesenheit gehemmt worden; sobald ich adoptiert war, verhielten sich die Leute in meiner Gegenwart so, wie sie es auch normalerweise taten.
Die Tatsache, dass diese Personen von einem (zunächst) Fremden beobachtet
werden, bestimmt, was wahrgenommen werden kann und was nicht. Als wahrnehmende
Personen können wir einerseits Störquelle im Prozess des Wahrnehmens sein;
andererseits sind wir die wichtigste Zutat.
Wer obiges Beispiel als etwas zu weit hergeholt ansieht, sei auf die
Schulrealität verwiesen: SchülerInnen verhalten sich üblicherweise bei
Anwesenheit einer Lehrperson anders als bei ihrer Abwesenheit. Dementsprechend
wird auch jeweils anderes wahrzunehmen sein. Gleiches gilt, wenn klassenexterne
Personen (Praktikanten, Direktor, Inspektor usw.) eine Schulklasse besuchen.
Zutaten, die das Wahrnehmen überhaupt erst ermöglichen, sind zum Beispiel Raum
und Zeit. Sie sind diesem Prozess in formierender Hinsicht vorausgesetzt. Diese
These vertritt Immanuel Kant. Sie hält auch für die Erörterung der Zutaten des
Wahrnehmens einiges bereit. Es geht hier nicht darum, die gesamte Thematik
darzulegen, geschweige denn alle sich ergebenden Fragen anzusprechen, sondern
nur von Kant zu übernehmen, was für diese Thematik wichtig erscheint.
Kant behandelt die Fragen zu Raum und Zeit in seiner „Kritik der reinen
Vernunft” im Kapitel „Transzendentale Ästhetik”. „Ästhetik” kommt vom
griechischen Verb „aisthanesthai”, das wörtlich übersetzt „wahrnehmen” bedeutet.
Kant verwendet in diesem Abschnitt mehrmals das Wort „Wahrnehmung”[9] (zum
Beispiel auf den Seiten 86, 88, 89, 90, 105, 106, 107 der Reclam-Ausgabe).
„Transzendental” bedeutet auf unser Thema bezogen zu untersuchen, welche
allgemein-formalen Voraussetzungen laut Kant das Wahrnehmen erst ermöglichen.
Solche transzendentalen Voraussetzungen sind u. a. Raum und Zeit. Sie entstammen
nicht dem Wahrnehmen, sondern liegen „im Gemüte a priori bereit” (§ 1) und
formieren das Wahrnehmen.
Wie könnten wir diesbezüglich, ohne genauer auf die umfangreiche Analyse Kants
einzugehen, in seinem Sinne argumentieren? Wir könnten sagen, dass etwas, um
überhaupt wahrgenommen werden zu können, raum-zeitlich geordnet werden muss.
Etwas ist jetzt (Zeit) hier (Raum). Sinnesdaten haben einen Ort und treten
zugleich oder in zeitlicher Abfolge auf; sie dauern an, entstehen, vergehen.
Raum und Zeit sind in formaler Hinsicht als Voraussetzungen notwendig, weil man
zwar einen Raum ohne Gegenstände wahrnehmen kann, nicht aber Gegenstände ohne
Raum. Ebenso kann man zwar wahrnehmen, dass eine Zeitlang nichts geschieht;
weglassen kann man Zeit aber nicht. Mittels Raum und Zeit wird der
Mannigfaltigkeit der Sinnesdaten ein bestimmtes Ordnungsmuster auferlegt. Wir
müssen notwendigerweise, alternativ- und ausnahmslos raum-zeitlich wahrnehmen.
Und was allgemein und notwendig ist, kann nicht aus dem jeweiligen (subjektiven)
Prozess des Wahrnehmens stammen, weil gleiche Situationen nicht allgemein und
notwendig so, sondern oft höchst unterschiedlich wahrgenommen werden. Insofern
können die Zutaten Raum und Zeit nur Bedingungen der Möglichkeit des Wahrnehmens
sein.
Es soll hier aber nicht Kant folgend die mögliche Existenz eines objektiven
Raumes und einer objektiven Zeit überhaupt in Abrede stellen. Immerhin gibt es
ebenso prominente Vertreter der gegenteiligen Ansicht, nämlich Leibniz und
Newton, die zumindest darin übereinstimmen, dass Raum und Zeit unabhängig von
uns existierten, also auch fortbestünden, wenn es keine wahrnehmenden Subjekte
gäbe. Vielleicht ist diese Kontroverse nur sehr schwer oder gar nicht
aufzulösen. Doch Kants Theorie, dass Raum und Zeit als unsere Zutaten
unumgängliche Bedingungen unseres Wahrnehmens sind, scheint von großer
Wichtigkeit. Außerdem wird auch dadurch unser Einbringen von Zutaten deutlich.
Eine Zutat, die selbst größtenteils aus dem Wahrnehmen stammt, aber auch das
Wahrnehmen steuert, ist die Sprache. Letzteres zeigt ein Teil der Analysen des
Sprachwissenschaftlers Benjamin Lee Whorf. Wie schon vorhin bei Immanuel Kant
kann auch hier nicht die gesamte Theorie mit allen kritischen Einwänden erörtert
werden. Es wird aber dargelegt, was sie für eine Reflexion des Wahrnehmens
bereithält.
Whorf meint, dass verschiedene Sprachen Wahrzunehmendes unterschiedlich gliedern
und dass die herausgegliederten Einzelheiten durch verschiedene Grammatiken
unterschiedlich verbunden werden. Sein „linguistisches Relativitätsprinzip”
besagt, dass (...) „kein Individuum die Freiheit hat, die Natur mit völliger
Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten
glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist.”[10] Menschen, die
Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, würden durch diese
Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen
äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt (S 20). Sprachen würden sich nicht nur
darin unterscheiden, wie sie ihre Sätze aufbauen, sondern auch darin, wie sie
die Natur zerschneiden, um jene Elemente zu bekommen, aus denen sie die Sätze
aufbauen (S 40). Dies zeige sich besonders, wenn wir unseren Sprachen das
Semitische, Chinesische, Tibetanische, afrikanische Sprachen oder die
Eingeborenensprachen Amerikas gegenüberstellen (S 13).
Whorf verdeutlicht seine These an zahlreichen Beispielen; eines möchte ich hier
referieren (S 42ff): Er weist darauf hin, dass unsere Sätze, sofern es sich
nicht um Imperative handelt, Subjekte und Prädikate beinhalten. Als Subjekte
fungieren Nomen (auch Pronomen - Erweiterung durch B. P.), als Prädikate Verben.
Nativsprachen Amerikas zeigen uns seinen Analysen nach, wie man mit einer
passenden Grammatik rationale Sätze bilden könne, die nicht in Subjekt und
Prädikat auflösbar seien. In der Sprache der Nootka auf der Insel Vancouver sei
die einzige Satzart eine solche ohne Subjekt und Prädikat. Es gebe überhaupt
keine Satzteile; die einfachste Äußerung sei ein Satz, der von irgendeinem
Ereignis oder Ereigniskomplex handle. Lange Sätze seien Sätze aus Sätzen und
nicht Sätze aus Wörtern. Da die meisten unserer Verben aus der Natur etwas
isolieren würden, was wir Tätigkeiten nennen, würden wir ein Tun in jeden Satz
hineinlesen, sogar in Sätze wie ‹Ich halte es›. Wir müssten auch sagen ‹Es
blitzt› oder ‹Ein Licht blitzt› und damit einen Täter, ‹Es› oder ‹Ein Licht›,
konstruieren, der ausführt, was wir eine Tätigkeit nennen: blitzen. In der
Hopisprache gebe es wie im Nootka keine Teilung in Subjekte und Prädikate und
auch Verben ohne Subjekte. Dort gebe es die Zweiteilung der Natur in Subjekt und
Prädikat, Täter und Tätigkeit nicht. Whorf weist auch darauf hin, dass die
Strukturphänomene der Sprachen Hintergrundsphänomene seien, die man gar nicht
oder bestenfalls sehr ungenau wahrnehme (S20).
Im Zusammenhang mit Whorfs Theorie ergeben sich einige Probleme: Zunächst wäre
anzumerken, dass es Wahrnehmen auch ohne Sprache gibt; zum Beispiel nehmen
Babys, die der Sprache noch nicht mächtig sind, auch wahr. Und obwohl Sprache
selbst wahrgenommen (gelernt) wird, ist sie nicht nur ein Resultat des
Wahrnehmens, sondern auch ein Produkt des Denkens. Wahrscheinlich würde Kant in
diesem Zusammenhang vertreten, dass wir hierbei - nennen wir sie vermutlich in
seinem Sinn - die vorausgesetzte Verbindungsfähigkeit unseres Verstandes, die
nicht aus dem Wahrnehmen stammt, anwenden. Ihm wäre wohl recht zu geben. Für
diese These spricht, dass wir mittels unserer Denkprozesse neue Begriffe bilden,
alte abstreifen können. Dies lässt sich an der Dichtung ebenso zeigen wie an
unserer sprachgeschichtlichen Entwicklung. Außerdem ist diese vorausgesetzte
Verbindungsfähigkeit für das Erlernen der Muttersprache vonnöten. Denn woher
sollte ein Baby wissen, dass es sich zum Beispiel um ein Buch handelt, wenn
darauf gezeigt wird, und dass nicht der Finger, der darauf zeigt, „Buch“ ist,
bzw. sobald er auf etwas anderes zeigt, eben das andere ist. Auch Grammatiken
werden zunächst zumindest ohne es zu bemerken aufgrund dieser
Verbindungsfähigkeit aufgenommen und je nach Grammatik kann das Ergebnis der
Verbindung sehr unterschiedlich sein. Damit wären wir aber wieder bei den oben
erwähnten Ausführungen Whorfs. Doch müssten unsere Einstiegsfragen auch an
Whorfs Theorie herangetragen werden, denn auch in der Sprachwissenschaft werden
Sprachen wahrgenommen.
Ausgehend von Whorfs Theorie wäre weiter zu fragen, was Sprachen grundsätzlich
im Zusammenhang mit Wahrnehmen leisten. Hier wäre anzuführen, dass sie das
Wahrnehmen einerseits erweitern, andererseits beschränken. Die Erweiterung lässt
sich u. a. an der Rezeption von Kunst verdeutlichen. Hier können wir
feststellen, dass die Qualität des Wahrnehmens von der ergänzenden
Begrifflichkeit abhängt. Musikstücke, Gemälde, Skulpturen usw. können wir viel
genauer wahrnehmen, wenn wir sie erläutert bekommen und/oder selbst in Sprache
kleiden. Die Erweiterung hängt paradoxerweise mit dem Gegenteil, der
Beschränkung, zusammen. Sprache bestimmt, das heißt beschränkt, schließt aus:
Etwas oder jemand ist so bzw. nicht so. Insofern als Sprache bestimmt, was
und/oder wie jemand oder etwas ist bzw. nicht ist, urteilt sie: Was Sie gerade
vor sich haben, ist ein Text und kein Spielfilm und er hat ein bestimmtes
Format. Solche Bestimmungen erfolgen ebenfalls, wenn Zusammenhänge, Ordnungen
usw. hergestellt werden. Bestimmungen können zwar revidiert, erweitert usw.
werden; sie stellen aber zumindest temporär Fixierungen dar, die Leitlinien
vorgeben.
Wenn wir wahrnehmen, spielen oft auch Zuschreibungen als Zutat eine Rolle. Es
passiert zumindest des Öfteren, dass wir mit bestimmten vorgefassten Meinungen
an Wahrzunehmendes herangehen oder umgekehrt mit unseren Gedanken (weit) über
das Wahrgenommene hinausgehen. Man denke beispielsweise an eine Person, die sich
verfolgt fühlt und Verhaltensweisen anderer als gegen sich gerichtet wahrnimmt.
Zuschreibungen beschränken sich nicht auf Wahrgenommenes, können jedoch das
Wahrnehmen steuern. Sie müssen nicht immer falsch sein; sie stimmen aber auch
nicht immer, obwohl sie oft hartnäckig als richtig bezeichnet werden und sich
durch Belege stützen lassen.
An dieser Stelle sei es dem Leser/der Leserin überlassen nach weiteren
Beispielen im eigenen Erfahrungsbereich und/oder in der Literatur zu suchen, die
obige Zutaten verdeutlichen. Eine Fundgrube bieten u. a. das schon erwähnte Buch
von Georges Devereux „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ sowie
die populärwissenschaftlichen Bücher von Paul Watzlawick „Wie wirklich ist die
Wirklichkeit?“ und „Anleitung zum Unglücklichsein“.
Trotz der zahlreichen Zutaten muss betont werden, dass das Ergebnis des
Wahrnehmens auch vom Angebot abhängt. In Bezug auf das Wahrnehmen anderer
Personen heißt das, dass es nicht nur davon beeinflusst wird, was ich in der
anderen Person sehe, sondern auch davon, was die andere Person mir zeigt bzw.
zeigen will oder kann. Das Wahrnehmen wird nicht nur von innen her gesteuert,
sondern auch von außen initiiert. Der Dichter Wilhelm Busch scheint wohl recht
zu haben, wenn er reimt: „Von hinten schaut ein Haus / ganz anders als von vorne
aus.” Das Ergebnis des Wahrnehmens scheint sowohl vom „Haus” (als Symbol
aufgefasst) als auch vom Standort des Betrachters (einer Zutat) abhängig zu
sein.
1. 2 Ein kleiner Beitrag zur Subjektivitäts-Objektivitäts-Diskussion im
Zusammenhang mit dem Wahrnehmen
Hinsichtlich der Subjektivität hört man des Öfteren wie schon erwähnt, dass
sowieso alles subjektiv sei, also auch das Wahrnehmen. „Subjektiv” kann auf
unser Wahrnehmen bezogen nicht nur mit „unterschiedlich“, sondern auch mit
„einseitig”, „parteiisch” übersetzt werden. Demnach gibt es wohl einiges, wo
Unterschiedlichkeit, Einseitigkeit und Parteilichkeit nicht zutreffen. Wenn Sie
zum Beispiel mit den Innenflächen Ihrer Hände kräftig aufeinander schlagen,
werden alle, die des Hörens mächtig sind, bejahen, dass sie ein Klatschen
wahrnehmen und kein Vogelgezwitscher. Ferner ist dieses Wahrnehmen weder
einseitig noch parteiisch. Obige Behauptung kann also so nicht stimmen.
Vielleicht kann auch auf Subjektivität bezogen ebenso wie zu Beginn dieses
Aufsatzes ein sprachgeschichtlicher Exkurs erhellend wirken: Das Wort
„subjektiv” gibt es seit dem 18. Jahrhundert. „Subjektiv” wird formal nach lat.
„subiectivus” gebildet, was „zum Subjekt gehörig” bedeutet. Das Fremdwort
„Subjekt” wiederum ist in der Philosophie die Bezeichnung für das erkennende,
mit Bewusstsein ausgestatte Ich. Es ist im 16. Jahrhundert aus lat. „subiectum”
entlehnt worden und bedeutet „Satzgegenstand, Grundbegriff”. „Subiectum” gehört
im Sinne von „das Daruntergeworfene, Zugrundegelegte” zu lat. „subicere” (sub =
unter; iacere = werfen). Wir werden dem Wort also am ehesten gerecht, wenn wir
es mit „darunter werfen, unterlegen, zugrunde legen” übersetzen. Insofern wir
immer als Person, als Subjekt involviert sind[11], wenn wir wahrnehmen, wird das
Wahrnehmen immer auch subjektiv sein, sodass an obiger Behauptung durchaus etwas
„dran” ist.
Wie sieht es mit dem Gegenteil, dem Wort „objektiv”, aus? Die Aussage, dass
alles objektiv sei, will uns schon viel weniger einleuchten. Das Wort ist eine
Ableitung aus lat. „obiectivus” und bedeutet „auf ein Objekt bezüglich,
gegenständlich, tatsächlich, sachlich, unvoreingenommen”. Das Fremdwort „Objekt”
ist seit dem 14. Jahrhundert bezeugt, geht auf lat. „obiectum”, das
nominalisierte zweite Partizip von „obiecere” zurück und bedeutet
„entgegengeworfen, entgegengestellt, vorgesetzt”. Insofern als wir es auch immer
mit vorgesetzten Inhalten, also mit Objekten zu tun haben, wenn wir wahrnehmen,
ist obige Behauptung auch nicht ganz vom Tisch. An dieser Stelle muss aber
nochmals darauf hingewiesen werden, dass auch für diese Hinweise und für die
Etymologie die zu Beginn dieses Aufsatzes skizzierten Probleme bestehen.
Offenbar sind immer subjektive und objektive Anteile vorhanden, wenn wir
wahrnehmen. Wahrnehmen kann weder nur auf der subjektiven noch nur auf der
objektiven Seite festgemacht werden (wenn etwas „darunter geworfen” wird,
worunter wird es geworfen? Und wenn etwas „entgegengestellt” wird, wem ist es
entgegengestellt?). Einmal wird das Wahrnehmen näher beim Objekt angesiedelt
sein und verschiedene Personen werden zu gleichen Ergebnissen kommen. Ein
andermal wird es stärker subjektbezogen sein, zum Beispiel wenn die SchülerInnen
einer Klasse dieselbe Schulstunde zu diesem Thema langweilig bzw. interessant
usw. finden.
In unserer Gesellschaft wird jedoch die Objektivität nahezu kultisch verehrt.
Das hat wohl damit zu tun, dass sie mehr Sicherheit verspricht; eine Sicherheit,
die aber trügerisch sein kann. Oft gibt es den Hinweis, dass etwas objektiv sei,
weil viele Personen es in der gleichen Weise wahrnehmen. Doch das Urteil ist
nicht deswegen schon objektiv; es zeigt lediglich, dass viele Personen etwas
gleich wahrnehmen. Zumindest in Bezug auf Lebendiges, Soziales erscheint es
fraglich, ob überhaupt von Objektivität gesprochen werden kann, wenn hiermit
etwas Sachliches, Gegenständliches, Dinghaftes, also etwas Totes gemeint ist.
Damit sind aber keineswegs alle Probleme gelöst. Denn der Beurteilung, ob etwas
subjektiv bzw. objektiv ist und was man darunter versteht, ist immer ein
beurteilendes Subjekt vorausgesetzt, sonst gibt es überhaupt keine Beurteilung.
Da dieser vorhergehende Satz ebenfalls eine Beurteilung ist, für die wiederum
ein vorausgesetztes Subjekt geltend gemacht werden kann, stellt sich hier eine
unauflösbare Voraussetzungsproblematik. So gesehen müssen wir uns wohl damit
abfinden, dass es jeweils einen unaufklärbaren, immer schon vorausgesetzten Rest
gibt, der endgültige, abschließende Antworten verhindert. Allerdings kann die
Position, dass es keine solchen Antworten gibt, auch nicht als unverrückbar
gelten. Sonst wäre eine abschließende Antwort, dass es keine abschließenden
Antworten gibt. Ein logischer Widerspruch!
Zweierlei scheint sinnvoll zu sein: erstens zu versuchen, das jeweils
Entgegengesetzte („Objektive”) so genau wie möglich wahrzunehmen und zweitens
sich die jeweiligen Zutaten[12] so weit wie möglich bewusst zu machen, da sie
sonst ein unkontrolliertes Eigenleben führen (können). Das bedeutet, mehr
Subjektivität zu beachten, und könnte einerseits beunruhigen, weil weniger
(suggerierte) Sicherheit vorhanden sein dürfte als bei der so genannten
Objektivität. Andererseits wäre durch häufigeres Akzeptieren von subjektiven
Unterschieden größere Vielfalt möglich, die bereichern kann. Und wahrscheinlich
ist die erkannte Unsicherheit wertvoller als die vermeintliche Sicherheit.
Dennoch werden wir immer wieder festlegen (müssen), dass etwas oder jemand so
und nicht anders ist, wie wir jetzt wahrnehmen, schon weil wir nicht ständig die
Ergebnisse unseres Wahrnehmens prüfen, hinterfragen können. Aber es ist u. a.
aus den angegebenen Gründen wichtig, davon ein Stück abzurücken, wann immer dies
möglich ist. Bezogen auf die bisherige Theoriebildung zum Wahrnehmen könnte so
etwas Bewegung in erstarrte, leblose Theorie gebracht werden. Manche Theorie
schaut gerade deshalb „objektiv” aus, weil für die Theoriebildung die
skizzierten Probleme ausgeklammert werden. Eine so genannte „objektive” Theorie
zum Wahrnehmen zu erstellen ist aber schon deshalb nicht möglich, weil das
Wahrnehmen auch vor und während der Theoriebildung immer stattfindet und jeder
Theorie der jeweils Theorie bildende, wahrnehmende Mensch vorausgesetzt ist.
Damit sind Zutaten wirksam, die auch für die Theoriebildung Bedeutung haben.
Weil auch ebendiese Ansicht eine Theorie darstellt, haben wir es hier wieder mit
unserem unauflösbaren Voraussetzungsproblem zu tun.
1. 3 Überblick in Thesenform
Wir tun etwas, wenn wir wahrnehmen. Insofern hat das Wahrnehmen den Charakter des Lebendigen, Zeitlichen.
Im Wahrnehmen bleiben wir nicht unwandelbar dasselbe Subjekt: Wir verändern uns, wenn wir wahrnehmen, was unser weiteres Wahrnehmen ebenfalls beeinflusst.
Obwohl sich das Denken weit jenseits des Wahrzunehmenden bewegen kann, ist eine grundsätzliche Trennung von Wahrnehmens und Denken unmöglich.
Wir nehmen weniger und mehr wahr, als gegeben ist, weil wir unsere Zutaten einbringen.
Wahrnehmen ist nicht nur auf die Dingwelt beschränkt. Wir nehmen nicht nur Dinge wahr, sondern auch uns selbst und andere Personen, Situationen, Ereignisse, Eigenes, Fremdes, Inneres, Äußeres usw.
Wahrnehmen kann weder nur auf der subjektiven noch nur auf der objektiven Seite festgemacht werden.
Bei der Theoriebildung über das Wahrnehmen haben wir es mit einer
unauflösbaren Voraussetzungsproblematik zu tun.
1. 4 Warum könnte/müsste das Thema „Wahrnehmen“ von Interesse sein?
Hierzu lassen sich zumindest fünf Punkte anführen:
Ein und dieselbe Situation/Person wird zum gleichen Zeitpunkt von
verschiedenen Personen unterschiedlich bzw. ähnlich wahrgenommen. - Da dies des
Öfteren im eigenen Lebensbereich der Fall ist, könnte sich die Frage stellen,
warum das so ist bzw. wieso jemand Gegebenes so und nicht anders wahrnimmt bzw.
warum jemand gerade dies und nicht anderes wahrnimmt.
Wahrnehmen/Nicht-Wahrnehmen und Verhalten stehen im Zusammenhang. Was ich
wahrnehme, beeinflusst mein Verhalten; was ich nicht wahrnehme, ebenfalls. Ich
nehme z. B. an einer Person viele positive Eigenschaften wahr und verhalte mich
dementsprechend. Oder ich nehme in einer bestimmten Situation eine Gefahr nicht
wahr und verhalte mich falsch. - Diese Gegebenheiten könnten zu einer
Verhaltensreflexion und zu einer Erweiterung des Verhaltensrepertoires führen.
Wahrnehmen/Nicht-Wahrnehmen ist oft federführend bei Konflikten im
zwischenmenschlichen Bereich. Hier ist die Reflexion des jeweils eigenen
Wahrnehmens nicht nur von Interesse oder bloßer Luxus, sondern ein wichtiger
Teil der Konfliktreflexion.
Sich mit Fragen des Wahrnehmens zu beschäftigen ist besonders wichtig, wenn
Menschen beurteilt werden oder wenn geforscht wird. Ansonsten könnten
unzulängliche Sichtweisen die Folge sein.
Die Erweiterung des Wahrnehmens bewirkt die Ausweitung der
Lebensmöglichkeiten. Wenn ich vielfältiger, intensiver, genauer wahrnehmen kann,
bereichert dies mein Leben. Hierzu kann die Reflexion über das Wahrnehmen einen
wichtigen Beitrag leisten.
2 Zur Praxis des Wahrnehmens: die Schulklasse als soziales Lernfeld
Damit die Ausführungen nicht „graue Theorie” bleiben, könnte in Schulklassen
zumindest eine der folgenden Übungen durchgeführt werden. Auf diese Weise könnte
es gelingen, die Verstehensfähigkeit (das Selbstverständnis und das Verstehen
anderer) zu erweitern, indem man sich selbst und andere hinsichtlich der
Zusammenhänge befragt (Warum nehme ich jemanden / etwas so wahr, warum andere
das Gleiche anders?), um so vielleicht andere Wege zum Beispiel im Fall der
Problembewältigung zu finden. Es kann auch mit dem Praxisteil begonnen bzw. mit
ihm das Auslangen gefunden werden.
Einzelpersonen und / oder SchülerInnengruppen bringen graphisch zu Papier, was
sie an der gesamten Klassensituation wahrnehmen oder wahrgenommen haben. Die
jeweiligen Gruppen können durch ein Losverfahren ermittelt werden; sie können
sich aber auch selbstständig konstituieren und aus SchülerInnen bestehen, die
glauben, zumindest einigermaßen gut miteinander arbeiten zu können. Die
Gruppengröße beträgt vier bis sechs Personen. Es empfiehlt sich je einen Bogen
Packpapier oder ein großes Zeichenblatt und verschiedene Malutensilien (zum
Beispiel Fingerfarben) zu verwenden. Die Zeichnungen sollen symbolisch oder
abstrakt bleiben (zum Beispiel ein Blitz für existente Spannungen oder bestimmte
Farbkonstellationen für bestimmte Beziehungen). In den einzelnen Gruppen sollten
zunächst Diskussionsprozesse über das Vorhaben und die Einzelergebnisse
stattfinden[13], vielleicht auch Skizzen angefertigt werden. Danach werden die
Ergebnisse, die auch gruppenintern unterschiedlich sein können, zu Papier
gebracht. Die Arbeitszeit sollte etwa zwei Unterrichtsstunden betragen.
Nach einer Pause oder in den nächsten Psychologie / Philosophiestunden werden
die Elaborate vorgestellt und besprochen. Zunächst könnten die einzelnen
SchülerInnengruppen befragt werden, wie die Arbeitssituation in den Gruppen war
bzw. ob es hier unterschiedliche Ergebnisse gegeben hat. Wenn ja, welcher Art?
Dann wird eine Zeichnung nach der anderen an die Wand geklebt, alle / einige
Personen (oder ein Gruppensprecher / eine Gruppensprecherin) erläutern
(erläutert) das jeweilige Produkt. Der Rest der Klasse[14] setzt sich in U-Form
davor und hört zunächst nur zu bzw. stellt Fragen, falls etwas unklar ist.
Danach schildern die anderen SchülerInnen ihre Eindrücke. Folgende weitere
Fragen sollten vor allem behandelt werden: Wie kommen die jeweiligen Eindrücke
in Bezug auf die Klassensituation zustande? Gibt es Ähnlichkeiten und / oder
Unterschiede?[15] Wie ist dies erklärbar? Achtung: Bei der Beantwortung dieser
Fragen und bei der Schilderung der Eindrücke bzw. beim Zuhören und Fragenstellen
spielt wiederum das Wahrnehmen mit all seinen Problemen eine Rolle. Die Übung
könnte mit einem Blitzlicht oder einem Feed-back von möglichst vielen Personen
über den abgelaufenen Prozess enden. - Dauer (bei einer Klassengröße von etwa 20
SchülerInnen): insgesamt mindestens vier Unterrichtsstunden.
SchülerInnen und Lehrperson bilden einen Sesselkreis. Jede Schülerin / jeder
Schüler denkt nach, welches Tier (welche Tiere) mit welchen Eigenschaften zu ihr
/ ihm passt (passen) und warum.[16] Danach teilen SchülerInnen, die dies wollen,
der Reihe nach ihre Wahl und ihre Begründung mit. Andere Gruppenmitglieder haben
die Möglichkeit, dazu Stellung zu nehmen und bekannt zu geben, ob sie die
Person, die gerade am Wort war, mit demselben Tier (denselben Tieren) in
Verbindung gebracht hätten (Begründung nicht vergessen!).[17] - Auch hierbei
dürften sich viele Probleme des Wahrnehmens stellen. Vor allem wenn es
divergente Ergebnisse gibt, könnte gefragt werden, wie diese erklärbar sind. -
Dauer (bei einer Klassengröße von etwa 20 SchülerInnen): mindestens zwei
Unterrichtsstunden.
Die SchülerInnen stehen auf und gehen in der Klasse umher. Sie suchen sich eine(n) PartnerIn und bringen symbolisch oder abstrakt zu Papier, wie sie ihr
Gegenüber wahrnehmen. Danach könnten einige Zeichnungen besprochen werden, wobei
auch andere SchülerInnen der Klasse sich zu der jeweiligen besprochenen Person
äußern können. Zu fragen wäre, wieso die jeweilige Schülerin / der jeweilige
Schüler in dieser Weise wahrgenommen wird. Wichtig wäre einen vorher
festgelegten Gesprächsablauf beizubehalten. Diejenigen, die eine Rückmeldung
erhalten, hören zunächst nur zu, ohne sich zu rechtfertigen oder zu verteidigen.
Danach müssten sie jedoch befragt werden, was sie zu den Ergebnissen zu sagen
haben. - Dauer (bei einer Klassengröße von etwa 20 SchülerInnen): mindestens
vier Unterrichtsstunden.
Rollenspiel: Zwei Holzhändler, zwei Biologen und ein Liebespaar treten
nacheinander auf und reden über den gleichen Ort in einem Wald, symbolisiert
durch die Tafel (schauspielerisches Talent ist nicht unbedingt vonnöten). Die
Akteure können sich vorher Gedanken über Inhalt und Ablauf machen.
Nach den Rollenspielen könnten zunächst die Akteure befragt werden, wie es ihnen
beim Spielen ergangen ist. Dann könnte die gesamte Schulklasse befragt werden,
was aufgefallen ist: Worauf ist - gegebenenfalls - das unterschiedliche
Wahrnehmen dieses Waldstücks zurückzuführen? Haben diese Ergebnisse für andere
soziale Situationen Bedeutung, und was könnte man daraus schließen? Gibt es
einen Zusammenhang zwischen dem Wahrnehmen und Handeln?
Im Anschluss daran könnte man zum Beispiel die „Biologen” und die „Holzhändler”,
sofern sie unterschiedliche Sichtweisen haben, miteinander konfrontieren und
danach folgende Themen behandeln: Verhalten in Streitsituationen (Was schürt den
Streit und wie könnte man ihn entschärfen?); Ökologen und Ökonomen (Wie könnte
man die unterschiedlichen Sichtweisen erklären? Mit wem identifiziert man sich
und warum?). Weiters wäre es möglich, einen der Holzhändler oder der Biologen in
die Rolle des Liebhabers schlüpfen zu lassen und das Rollenspiel noch einmal
durchzuführen. Welche Probleme ergeben sich hierbei? - Dauer (bei einer
Klassengröße von etwa 20 SchülerInnen): mindestens zwei Unterrichtsstunden
Mag. Dr. Bruno Posod
[1] Manche Überlegungen basieren zum Teil auf der Gedankenführung von Erwin
Straus in seinem Buch „Vom Sinn der Sinne. Ein Beitrag zur Grundlegung der
Psychologie”.
[2] Das wird so manchem schon zu weit gehen, da er nicht vom Fühlen, sondern vom
Tasten spricht. Letzteres ist nach außen gerichtet. Dementsprechend wird das
Wahrnehmen oder die Wahrnehmung als nur nach außen gerichtet erfasst. Aber es
gibt auch das nach innen gerichtete Wahrnehmen. – Es könnte in diesem
Zusammenhang wohl auch lohnend sein, über den so genannten „sechsten Sinn“ zu
spekulieren; das würde aber sicherlich den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
[3] Wahrnehmen ist in zweifacher Hinsicht prozessual: Zum einen findet ein Prozess
statt, wenn das Wahrnehmen hier und jetzt in uns abläuft. Zum anderen befinden
wir uns insofern in einem Prozess, als durch unser Wahrnehmen immer wieder etwas
hinzukommt, wir also anders werden.
[4] Das Problem von Wahrnehmen und Zeit würde einen eigenen Aufsatz erfordern.
Anstöße zu diesbezüglichen Überlegungen finden sich auf der Homepage des
„Vereins zur Verzögerung von Zeit“: www.zeitverein.com
[5] Hier könnte eingewandt werden, dass es sich nicht um Wahrnehmen handelt,
sondern um eine Denkleistung, weil Zusammenhänge hergestellt werden. Um dem
entgegenzutreten zu können, wäre eine genauere Abhandlung vonnöten, was denn
Denken sei. Das ist aber nicht das Thema dieses Aufsatzes. Nur so viel: Obwohl
es laut S. Freud auch das „unbewusste Denken“ gibt, verstehen wir unter Denken
in der Regel etwas Bewusstes. Sofern es sich hier um - zumindest zunächst -
keinen bewussten Vorgang handelt, kann er nicht dem bewussten Denken zugeordnet
werden.
[6] Letzteres zeigt sich z. B. beim Erwerb von Fachkenntnissen in Musik, Malerei
etc. genauso wie beim Lesenlernen: Die Lesefähigkeit erweitert das Wahrnehmen.
[7] Es könnte interessant sein zu untersuchen, ob bzw. auf welche sozialen
Situationen man das Neun-Punkte-Problem beziehen kann, wenn man es symbolisch
deutet. Gibt es soziale Probleme, die deswegen schwierig zu lösen sind, weil wir
Bestimmtes in sie „hineinsehen“? Wegen der Vermeidung eines noch größeren
Umfangs sei es aber dem Leser überlassen, dieser Frage nachzugehen.
[8] Die Beispiele eignen sich nicht als Argumente, weil sie selbst das Wahrnehmen
in mehrfacher Hinsicht voraussetzen (das Wahrnehmen der angeführten Psychologen,
das Wahrnehmen des Autors usw.).
[9] Dass das Wort “Wahrnehmen” zutreffender wäre, wurde schon erläutert. Dies wäre
auch hier kritisch einzuwenden.
[10] Whorf, B. L.: Sprache - Denken - Wirklichkeit. Reinbek bei Hamburg 1963, S 12
[11] Dies bedeutet jedoch nicht, dass Subjektivität losgelöst von
(gesellschaftlicher) Allgemeinheit ist. Hier besteht immer ein Zusammenhang.
[12] Falls sich hier ein Vergleich mit dem Kochen aufdrängt, ist er nicht
unzulässig: Zutaten machen eine Speise schmackhaft; sie können sie aber auch
ungenießbar machen. Ähnliches gilt für das Wahrnehmen.
[13] Besonderes Augenmerk sollte darauf gelegt werden, dass thematisiert wird, was
für eine wünschenswerte Weiterentwicklung aller günstig erscheint. Hierbei
können aber auch zum Beispiel Konfliktpotentiale angesprochen werden.
[14] Sollte die Schulklasse groß sein, könnte eine SchülerInnengruppe die
BeobachterInnenrolle übernehmen. Diese Gruppe nimmt am vorher erwähnten
Arbeitsprozess nicht teil, sondern könnte sich eigenständig und / oder unter
Mithilfe der Lehrkraft überlegen, was beobachtet werden soll, oder spontan
festhalten, was auffällt. Zu einem passenden Zeitpunkt informiert diese Gruppe
die anderen SchülerInnen über ihre Beobachtungen.
[15] Statt diesen Gegensatz einseitig abzuspannen, wäre darauf zu achten, dass
beides angesprochen wird. Wahrscheinlich werden aber die SchülerInnen eher nach
Gemeinsamkeiten suchen, weil Unterschiede des Öfteren eine Zumutung darstellen.
Dann müsste die Lehrkraft den Blick aufs Gegenteil lenken.
[16] Um die zwei bis drei Unterrichtsstunden zu diesem Thema attraktiver zu
gestalten, wird es wahrscheinlich notwendig sein, dass die Lehrkraft die
SchülerInnen ermuntert, nicht nur einzubringen, was sozial erwünscht ist oder
alle / viele ohnedies voneinander wissen, sondern dass die Mitteilungen vor
allem dem Quadranten des Johari-Fensters „mir bekannt / anderen unbekannt“
entstammen.
[17] Vorher könnten Feed-Back-Regeln erörtert werden. Die Lehrkraft sollte aber
unbedingt darauf hinweisen, dass es bei den Rückmeldungen vor allem darum geht,
dem Mitschüler / der Mitschülerin, der / die gerade Thema ist, zu helfen sich
weiter zu entwickeln.